Thema Leitbachen

Dogmen, Mythen, Missverständnisse: der Streit um die Leitbachen



Auch wenn wir es nicht zugeben werden: Bei den Sauen sind wir mit unserem Latein am Ende. Seit dreißig, vierzig Jahren hinken unsere Jagdstrecken hinter dem Zuwachs her. Trotz großer Anstrengungen und überaus liberalen Rechtsbestimmungen werden wir der Sauen nicht Herr.
Es kann deshalb nicht verwundern, dass immer unverblümter über Methoden nachgedacht wird, die mit traditioneller Jagd nur noch wenig zu tun haben: Kunstlicht zur Unterscheidung rangniederer Bachen an der Kirrung (in Bayern), kleine Kaliber zum geräuscharmen Schuss (in Nordrhein-Westfalen), Saufänge bzw. Frischlingsfänge, und schließlich als Nonplusultra die Pille für Schweine.


Wenn wir all dies nicht wollen, dann bleibt nur eins. Wir müssen unser Vorgehen und unseren ganzen Wissensstand vorbehaltlos auf den Prüfstand stellen, kritisch hinterfragen und bereit sein, auch das Undenkbare wenigstens zu diskutieren. Vielleicht ist die traditionelle Jagd bei der Lösung des Schwarzwildproblems tatsächlich überfordert! Dann hilft kein trotziges „Weiter so!“, sondern dann sollten sich die besten Köpfe zusammenstecken und über Lösungen nachdenken. Vor diesem Hintergrund fehlt mir jegliches Verständnis dafür, wie Dr. Karl-Heinz Betz im Editorial der Ausgabe Nr. 10 von WILD UND HUND über den Trierer Wildbiologen Ulf Hohmann hergefallen ist. Man wirft ihm nicht nur vor, zum Abschuss von Leitbachen aufgerufen zu haben, sondern garniert die Philippika auch noch mit persönlichen Anwürfen. Populismus und Polemik tragen aber zur Lösung der Schwarzwildproblematik nichts bei. Auch Norbert Happ, offenbar von WILD UND HUND als Kronzeuge gegen Hohmann aufgeboten, bleibt eine Antwort dazu schuldig. Im Gegenteil – Happ selber liefert jede Menge Argumente dafür, bei den Leitbachen anzusetzen.


Lassen Sie uns also das Schwarzwildproblem ohne feindselige Unterstellungen in drei Schritten diskutieren. Erster Schritt: Die Mathematik in der Populationsdynamik der Sauen. Zweiter Schritt: Jagdliche Praxis bei der Populationskontrolle. Dritter Schritt: Grenzbereiche zu Jagdethik, Weidgerechtigkeit, menschlichem Anstand.


Erster Schritt: Die Mathematik
Es lohnt sich, etwa 50 Jahre zurück zu blicken, als noch niemand die kommende Sauenschwemme vorausahnte. Man war endlich von der „Schwarzwildbekämpfung“ der Nachkriegsjahre abgekommen und machte sich Gedanken, wie man die Sauen anständig bejagen sollte. Das „Lüneburger Modell“ (LM) wurde erfunden. Ob dieses oder andere Modelle – alle hatten ein paar wesentliche Dinge gemeinsam: sehr hohe Frischlingsabschüsse, dagegen Zurückhaltung,
ja Schonung von Bachen und Überläufern.

Nun kann man eine zahlenmäßige Kontrolle von Wildtierbeständen generell mit ganz verschiedenenMethoden erreichen – mit wahllosem Abschuss von allem, was „vor die Flinte kommt“,mit schwerpunktmäßigen Eingriffen in den weiblichen Bestand, oder auch mit Eingriffen nur in die Klasse der Jungtiere. Alle mir bekannten Schwarzwildmodelle setzen den Schwerpunkt beim Abschuss der Frischlinge. Das ist verständlich, denn anders als bei Rot- oder Rehwild lassen sich bei dieser Wildart keine kompletten Mutter-Jungtier-Gruppen erlegen.

Die Bache wird ja fast immer von mehreren Frischlingen begleitet. Deshalb ist es schwierig, Bachen zu erlegen, ohne Waisenkinder zu hinterlassen. Bachen führen eigentlich immer – aber wie lange sind die Frischlinge tierschutz- und jagdrechtlich gesehen auf eine Führung angewiesen? Man sollte dem LM oder anderen Modellen nicht anlasten, schuld an der Sauenschwemme zu sein. Aber es lässt sich konstatieren, dass das Ziel – Stabilisierung der Bestände – verfehlt wurde. Warum das so ist – da kommt von vielen die Antwort wie aus der Pistole geschossen:

„Weil eben nicht konsequent nach dem LM gejagt wird! Es werden zu wenige Frischlinge, stattdessen zu viele führende Bachen, sogar Leitbachen geschossen! Und deswegen frischen die Bachen und sogar die Frischlingsbachen zu allen unmöglichen Zeiten, und viel zu früh, und viel  zu oft!“ Lassen Sie uns diese Argumente mal durchgehen.

Schon vor 40 Jahren sind ernsthafte Zweifel laut geworden, ob sich der im LM geforderte hohe Frischlingsanteil (über 70 % der Gesamtstrecke) überhaupt realisieren lasse. Es gab Rechnungen, die zeigten, dass dann von einer „Durchschnittsbache“, die im Herbst mit sechs Frischlingen daher kommt, vier bis fünf erlegt werden müssten, wenn der Bestand nicht anwachsen sollte. Wie sollte man den dazu erforderlichen enormen Jagddruck aufbringen?

Frischlinge schießen? Frischlinge verhindern! Wir wussten damals noch gar nicht, dass sogar Frischlingsbachen rauschig werden und im Alter von einem Jahr Jungtiere führen können. Die Populationsdynamik der Sauen hat also, das haben wir durch Untersuchungen in jüngerer Zeit erfahren müssen, noch viel mehr „Sprengkraft“, als wir ohnehin schon annahmen. Das belegen die Studien von BIEBER & RUF (2004) oder POHLMEYER & SODEIKAT (2004) und noch einige andere. Wir gehen heute davon aus, dass etwa die Hälfte (!) der weiblichen Frischlinge bereits im Alter von etwa neun Monaten beschlagen wird und folglich auch Frischlinge bringt. Weil nun Frischlinge zahlenmäßig den höchsten Anteil in einer Population haben (von Jahren nach Extremwintern abgesehen), ist der Beitrag,
den diese soziale Klasse zum Gesamtzuwachs der Population leistet, auch entsprechend hoch.

Daraus hat man dann den Schluss gezogen: Wollen wir Sauenbestände wirksam reduzieren, müssen wir vorrangig in die Klasse der Frischlinge eingreifen. So ist bei POHLMEYER & SODEIKAT (2004) zu lesen, „… dass aufgrund des Erbringens von 46 % des Gesamtzuwachses durch die Frischlingsbachen deren Abschuss vorrangig betrieben werden muss“, und bei BIEBER & RUF (2004), ihre Analyse zeige, „dass eine starke Bejagung speziell der Frischlinge … das geeignete Instrument ist, um das Wachstum (der Population) empfindlich zu reduzieren.“ Solche Formulierungen haben das absurde Missverständnis hervorgebracht, der Schlüssel zur Bestandsreduktion läge in erster Linie beim Frischlingsabschuss. Eine hohe Frischlingsstrecke ist zwar aus vielen Gründen zu begrüßen – aber wenn wir ernsthaft reduzieren wollen (und das ist das Gebot der Stunde!), dann müssen wir an die Zuwachsträger ran, und das sind nun mal die Bachen. Deshalb liegt der Schlüssel nicht in einer hohen Zinsabschöpfung – das sind die Frischlinge – sondern in der Reduzierung des produktiven Kapitals – das sind die Bachen, egal wie alt sie sind. Frischlinge schießen – selbstverständlich, aber noch wichtiger: Frischlinge verhindern!

Zum Verständnis eine simple Rechnung: Mit dem Abschuss einer Bache eliminieren wir zusätzlich etwa vier Frischlinge, die sie in die nächste Generation durchgebracht hätte. Ein Treffer verringert also den Bestand des Folgejahres um fünf Sauen. Mit einem Frischling schießen wir dagegen nur mit einer Chance von 25 % einen kommenden Zuwachsträger; denn nur jeder zweite Frischling ist weiblich, und von den weiblichen wird wiederum nur etwa die Hälfe als Frischlingsbache beschlagen. Zudem bringen erstmals frischende Bachen weniger Nachwuchs durch als die mehrjährigen Bachen. Also verringert ein Treffer den künftigen Bestand um weniger als zwei Sauen. Anders ausgedrückt: Wenn wir auf den Abschuss einer Bache verzichten, müssen wir, um deren Reproduktionsbeitrag zu kompensieren, etwa drei Frischlinge schießen.

Dies ist simples Einmaleins. Ich finde es schon erstaunlich, dass manche gerade beim Schwarzwild, mit seinem enormen Zuwachspotential, immer noch zu glauben scheinen, man könne dessen Population überwiegend mit hohen Frischlingsabschüssen kontrollieren. HAPP (2000) meint dazu ganz richtig, es sei heute sehr schwer, „Jägern den … unumgänglich notwendigen Bachenabschuss wieder einzuhämmern.“ Allerdings um Gottes Willen keine Leitbachen – aber dazu später. Zweiter Schritt: Sozialverhalten und Jagderfolg Beim Abschuss von Bachen spitzt sich alles auf die Frage zu: Wie kann ich vermeiden, hilflose Waisenkinder zu hinterlassen? Selbstverständlich ist ein Abschuss ausgeschlossen, so lange die Frischlinge noch auf Milch angewiesen sind. Wenn sie entwöhnt sind, kann der Abschuss der Mutterbache vertreten werden, besonders wenn sich die Frischlinge in einer größeren Rotte befinden; denn sie dürfen sich anschließen. Handelt es sich nur um eine „einfache“ Rotte (Bache mit Frischlingen), so können die Frischlinge immerhin als kleine Rotte zusammen bleiben.

Ich glaube, das ist für ihr soziales Wohlbefinden sehr wichtig. Jedenfalls haben Frischlinge, die etwa gegen Jahresende ihre Bache verlieren, ungleich bessere Chancen, „sozial ungeschädigt“ über die Runden zu kommen als etwa ein Hirschkalb, das sich nirgendwo anschließen kann. Für einen ethisch vertretbaren Abschuss von Bachen lässt uns die Biologie des Schwarzwildes einen zeitlichen Spielraum von etwa zwei Monaten, Dezember und Januar. In dieser Zeit sind die meisten Frischlinge bereits gut entwickelt und die Bachen noch nicht hoch beschlagen. Sind die Frischlinge noch gering oder gar gestreift, muss der Finger (auf die Bache) gerade bleiben. Ich kenne Jagdleiter, die das so handhaben. Sie verfolgen dabei nicht nur eine Drosselung der Zuwachsleistung, sondern sie machen sich die Jungsauen auch leichter bejagbar. „Wir schießen ganz bewusst vor Beginn der Bewegungsjagden ein paar Bachen, deren Frischlinge gut entwickelt sind,“ erklärte mir einer, „denn die naiven Frischlinge kriegen wir auf den Bewegungsjagden viel leichter, und auch an der Kirrung erscheinen sie regelmäßig.“ Förderung des Jagderfolges also, durch gezieltes Ausschalten erfahrener Führungspersönlichkeiten! Das geht manchen Jägern schon viel zu weit. So richtig kompliziert wird es aber erst, wenn die Leitbachen ins Spiel kommen, Bachen also, die nicht nur ihre Frischlinge, sondern eine größere Rotte mit weiteren rangniederen Bachen sowie Überläufern anführen.

Dogmen und Mythen um die Leitbachen

Der Leitbache werden wunderbare Eigenschaften zugeschrieben. Die zwei wichtigsten: Sie unterdrücke eine Rauschzeit bei Frischlingsbachen und drücke damit den Gesamtzuwachs ihrer Rotte. Und sie synchronisiere die Rauschzeit aller untergeordneten Bachen. HOHMANN ( 2005) ist der behaupteten Rauschzeitunterdrückung bei Frischlingsbachen nachgegangen, hat aber in der wissenschaftlichen Literatur dazu keine Belege gefunden. Wie die Rauschzeitunterdrückung funktioniert – auch darüber finden sich keine Hinweise. Sie wird im Übrigen generell für Bachen gegenüber ihren weiblichen Jungtieren angenommen, nicht nur für Leitbachen. Solange wissenschaftliche Beweise fehlen, müssen wir deshalb von einer Hypothese ausgehen. Sie kann stimmen. Sie kann ebenso gut auch falsch sein. Anders die Rauschzeitsynchronisation. Zwar weiß man auch hier nicht genau, wie das funktioniert – aber dass das Phänomen existiert, ist vielfach beobachtet und unbestritten. Die Quintessenz der Rauschzeitunterdrückung wäre eine Drosselung des Zuwachses der Rotte.

Umgekehrt wird behauptet, der Verlust der Bache führe zu einer verfrühten Rausche der Frischlingsbachen, die dann mit „zur Unzeit“ geborenem Nachwuchs daherkämen. Das wäre ein merkwürdiger Widerspruch zu den Grundsätzen der Populationsökologie von Säugetieren. Denn die besteht in aller Regel darin, viel in einen hohen Reproduktionserfolg zu investieren. Das ist der Motor der Evolution! HAPP (2009) geht denn auch „mit Hohmann völlig überein, dass Reproduktionsstrategie (gemeint ist erfolgreiche – meine Anmerkung) des Schwarzwilds die höchstmögliche Reproduktionsleistung aller Rottenmitglieder bedeutet.“ Genau das ist des Pudels Kern: höchstmögliche! Das heißt, dass die Leitbachen für einen hohen Gesamtzuwachs der Population sorgen – und nicht für dessen Drosselung! HOHMANN (in Vorb.) ist bei seinen Recherchen auf Forschungsergebnisse in Frankreich gestoßen, die folgendes besagen: Jungtiere, die noch in Begleitung einer Altbache sind, frischen seltener. Dabei handelt es sich in der Regel um schlecht konditionierte, z. B. spät geborene Nachkommen von jüngeren Bachen. Sie nehmen im ersten Jahr seltener auf und bleiben bei der Mutter. Frischlinge von reifen Bachen werden dagegen früher geboren, kommen besser konditioniert in die Rauschzeit und verlassen ihre Mütter eher, um selbst zu reproduzieren (KAMINSKI et al. 2005). Das Vorkommen führungsloser, beschlagener Frischlingsbachen ist also die Folge ihrer frühen Geburt und vor allem guter Lebensbedingungen, nicht aber des Verlustes der Mutterbache. Also nicht gerade das Gegenteil des Dogmas, aber doch eine ganz andere Interpretation von an sich richtigen Beobachtungen. Tiefer lasse ich mich auf die wissenschaftliche Diskussion nicht ein, das sei Hohmann vorbehalten.

Zum Reproduktionserfolg (vereinfacht: „Nettozuwachs“) trägt andererseits natürlich auch eine Verlustminimierung bei. Dazu gehört die Rauschzeitsynchronisation (nicht: Unterdrückung!). Mit ihr wird sichergestellt, dass alle Frischlinge einer Rotte zur gleichen Zeit auf die Welt kommen. Das erleichtert es den Bachen, ihren zunächst sehr anfälligen Nachwuchs über die Unbilden der ersten Wochen zu bringen und gegen Raubfeinde (Wölfe) zu verteidigen. Auch das Nachfrischen beim Verlust aller Frischlinge steigert den Nettozuwachs – freilich „zur Unzeit“ (aus unserer, nicht aus ökologischer Sicht). Verlustminimierung heißt nicht zuletzt auch Feindvermeidung, und hier spielt die Leitbache zweifellos eine wichtige Rolle. Sie ist erfahren, vorsichtig und schlau. Sie meidet gefährliche Plätze, hat so manche Kanzel im Kopf, weiß ihren Nachwuchs gegen Hunde zu verteidigen, hält ihre Rotte zusammen, wenn sie ausbrechen will – mit einem Satz: Sie macht es den Jägern schwer, Beute zu machen.

Für uns Jäger folgt daraus im Umkehrschluss: Wollen wir das Schwarzwild effizienter als bisher reduzieren, dann sollten wir den Zuwachs fördernden und Verluste mindernden Einfluss der Bachen, besonders der Leitbachen, ausschalten. Das ist ganz einfach: Wir schießen sie tot. Schalten wir die Leitbache aus, reduzieren wir nicht nur die Reproduktionsleistung der Rotte, sondern machen uns auch den Jagderfolg auf die jungen Sauen leichter. Die führungslos herumstreunenden Frischlinge sind leicht zu erlegen, sie lassen sich auf Gesellschaftsjagden leichter sprengen, sie kennen die sicheren Einstände noch nicht gut genug – alles Vorteile für den Jäger, wenn er Strecke machen will. Und was für die Leitbache gilt, gilt auch für jede „normale“ führende Bache. So einfach ist das.

Was wird passieren, wenn die Leitbache ausfällt – sagen wir: nach der Rauschzeit, im Dezember oder Januar? Eine andere hochrangige Bache wird die Rotte übernehmen. Die weiblichen Sauen sind beschlagen, eine Ausdehnung der Rauschzeit ist deshalb nicht zu befürchten. Vielleicht teilt sich die Rotte in zwei oder drei kleinere Verbände. Also – wo ist das Problem? Dritter Schritt: Was können wir den Sauen zumuten? Mir fallen solche Gedanken nicht leicht, von der Ausführung gar nicht zu reden. Ich halte den Abschuss von erfahrenen „Führungspersonen“ in matriarchalisch organisierten Sozialverbänden für eine überaus kritische Angelegenheit, seien es nun Leitbachen, Gamsgaisen, Alttiere oder Elefantinnen. Das Problem geht dabei weit über die Frage hinaus, ob die Jungtiere noch der Fürsorge bedürfen oder schon selber zu recht kommen. Wer die Ausschaltung solcher Tiere empfiehlt, lehnt sich weit aus dem Fenster. Trotzdem meine ich: Die Mythen- und Legendenbildung um die Leitbache hat inzwischen ein Ausmaß angenommen, das eine effiziente Schwarzwildkontrolle entscheidend behindert. Auch Norbert Happ trägt dazu einiges bei, etwa wenn er meint, man müsse sich „die Leitbachen zu Verbündeten machen“ (HAPP 2009), freilich ohne zu erklären, wie und warum. Und wenn er meint, jeder Schuss auf eine einzelne Sau, auch bei Bewegungsjagden, sei „grundsätzlich falsch“ (HAPP 2004), dann frage ich mich, wie er sich die jagdliche Kontrolle von Schwarzwild eigentlich vorstellt (siehe Kasten). Bei allem Respekt: Sein Konzept ist eins zur Erhaltung, wenn nicht sogar zum Aufbau – aber nicht zur Reduktion von Schwarzwildbeständen. Das zeigt auch sein Erfahrungsbericht, den er vor fünf Jahren bei einem Schwarzwildsymposium vorstellte (HAPP 2004). Überhaupt keine Sympathie kann ich schließlich für den von ihm und anderen verwendeten Begriff von „marodierenden Jugendbanden“ aufbringen. In einer sachlichen Abhandlung ist diese Sprache fehl am Platze.

Ich will nicht missverstanden werden. Dies ist kein Aufruf zum Halali auf die Leitbachen. Auch soll mir keiner unterstellen, ich würde nun um die Jahreswende ein „Feuer frei“ auf alles begrüßen, was ein Wildschwein ist. Es gibt leider kein Allheilmittel gegen die Sauenschwemme, und sicher keine Jagdstrategie, die nicht auch ein paar Nachteile hat. Unbestritten ist nur, dass wir es auf einem großen Teil der Bundesrepublik mit deutlich überhöhten Schwarzwildbeständen zu tun haben, die erheblich reduziert werden müssen. Mit unserem jagdlichen Latein sind wir am Ende. Entweder lassen wir uns etwas anderes einfallen als das, was wir seit über vierzig Jahren ohne Erfolg praktizieren – oder wir akzeptieren Saufänge, Scheinwerfer, Schalldämpfer und irgendwann auch die Pille für Schweine. Und damit das Ende der Jagd.

Literatur
Betz, Karl-Heinz 2009: „Moderne Wissenschaft“. Wild und Hund 10/2009, Editorial.
Bieber, Claudia & T. Ruf 2004: Schwarzwild auf dem Vormarsch. Schriftenreihe des Landesjagdverbandes
Bayern e.V., Band 12 „Schwarzwild aktuell“. ISBN 3-00-018080-X.
Happ, Norbert 2004: Die biologisch richtige Bejagung des Schwarzwildes. Schriftenreihe des
Landesjagdverbandes Bayern e.V., Band 12 „Schwarzwild aktuell“. ISBN 3-00-018080-X.
Happ, Norbert 2009: Tod den Leitbachen! Wild und Hund 10/2009.
Hohmann, Ulf 2005: Rauschgebremst – Die Leitbache – viel beschrieben, aber kaum erforscht.
Die Pirsch 16/ 2005, 5 – 9.
Hohmann, Ulf 2009: Herausforderung Schwarzwild – Die Jagd am Scheideweg? ÖkoJagd 1,
Februar 2009, 4 – 5.
Kaminski, G.; Brandt, S.; Baubet, E.; Baudoin, C. 2005: Life-history patterns in female wild
boars (Sus scrofa): mother-daughter postweaning associations. Can. J. Zool. 83., 474 – 480.
Pohlmeyer, Klaus & G. Sodeikat 2004: Populationsdynamik und Raumnutzung des Schwarzwildes (Sus scrofa L.). Schriftenreihe des Landesjagdverbandes Bayern e.V., Band 12
„Schwarzwild aktuell“. ISBN 3-00-018080-X.
(im Kasten) Statistik eines Durchschnittsjägers
HAPP ( 2004) meint, „auch auf Bewegungsjagden dürfe der Schuss auf einzelne Sauen … nur dem jagdbaren Keiler oder einer „pensionierten“ Bache gelten,“ er sei „ansonsten grundsätzlich falsch.“ Ich habe aus meinem Gedächtnis zusammengetragen, unter welchen Umständen ich in den letzten etwa zehn Jahren 35 Sauen auf Bewegungsjagden erlegt habe.

Ergebnis: 35 Sauen erlegt, 8 gefehlt. Von den beschossenen 43 Sauen waren 23 (über die Hälfte) allein. Die einzeln erlegten waren ausnahmslos Frischlinge oder Überläufer. 6 weitere waren in Begleitung einer weiteren Sau. Aus 8 Rotten mit 5 oder mehr Tieren habe ich 12 Sauen erlegt, darunter waren zwei reine Frischlingsgruppen mit je 5 Stück. Unstreitig falsch war eine Frischlingsbache von knapp 30 kg (Anfang Dezember, zweite in einer Zweiergruppe), die eine besetzte (Milch führende) Zitze hatte. Außerdem erinnere ich mich bei diesen Jagden an 24 Sauenbeobachtungen mit ein oder mehreren Tieren. In 8 Fällen davon sah ich Einzelsauen. Nur in 4 Fällen war die Rotte größer als 10 Tiere. Ich glaube, meine jagdlichen Erlebnisse auf Bewegungsjagden bilden eine ganz gute Stichprobe für einen Durchschnittsjäger. Für mich folgt daraus: Hätte ich darauf verzichtet, Sauen zu schießen, die einzeln ankamen, hätte ich nur die Hälfte erlegt.".

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